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Gibt es eine ALS-spezifische Physiotherapie?

Eine Physiotherapie speziell für Menschen mit ALS ist nicht etabliert. Die relative Seltenheit der ALS und die Komplexität der Symptome sind Gründe dafür, dass kein »Therapiestandard« zur Behandlung von Menschen mit ALS vorhanden ist. Bei der Physiotherapie von ALS-Patienten bestehen zwei Besonderheiten, die für Therapeuten eine besondere Herausforderung darstellen: Die Erkrankung ist fortschreitend und damit in Änderung begriffen. Die Behandlungsziele und Therapietechniken verändern sich im Krankheitsverlauf. Während im Beginn der Erkrankung aktivierende und funktionserhaltene Behandlungsziele im Vordergrund stehen, sind im weiteren Krankheitsverlauf die passive Mobilisierung (Bewegung der Extremitäten in den Gelenken sowie Dehnungsübungen durch den Therapeuten) oder eine Symptomlinderung (Entspannung von spastischer Muskulatur) von Bedeutung.

Die Veränderung der Therapieanforderungen im Krankheitsverlauf ist ein wesentlicher Unterschied zu einer Vielzahl anderer neurologischer Erkrankungen, bei denen motorische Defizite akut entstehen und rückläufig sind (z. B. nach Schlaganfall) oder eine langsame Progression erfahren (z. B. bei Parkinson-Erkrankung). Die Dynamik der ALS macht eine kontinuierliche Überprüfung und Anpassung der Behandlungsziele und Therapieformen notwendig. Eine weitere Besonderheit bei der ALS besteht in der kombinierten Schädigung des ersten und zweiten motorischen Neurons. Die Degeneration des ersten motorischen Neurons ist mit einer Spastik (Steigerung der Muskelspannung) verbunden, sodass eine physiotherapeutische Spastiktherapie notwendig wird. Diese Therapie weist große Ähnlichkeiten zur Behandlung des Schlaganfalls und der Multiplen Sklerose auf, die ebenfalls mit einer Schädigung des ersten motorischen Neurons verbunden sind. Die Schädigung des zweiten motorischen Neurons führt – im Gegensatz zur Spastik – zu einer Abnahme von Muskelspannung und Kraft, sodass in dieser Situation eine aktivierende Physiotherapie erforderlich ist (Anregung der Muskulatur zur Verhinderung einer Inaktivitätsatrophie).

Die Herausforderung für Physiotherapeuten liegt in der Unterscheidung zwischen Symptomen des ersten und zweiten motorischen Neurons und Anwendung der entsprechenden Physiotherapie. So kann an den oberen Extremitäten eine überwiegende Schädigung des zweiten motorischen Neurons (mit Muskelschwund und Lähmung) vorliegen, die eine aktivierende Physiotherapie erfordert, während an den unteren Extremitäten desselben Patienten eine Spastik dominiert, die eine muskelentspannende Therapie erfordert. Aufgrund dieser besonderen Anforderungen an die Physiotherapie bei der ALS ist anzustreben, dass Therapeuten mit einer besonderen Erfahrung neurologischer Patienten die Behandlung übernehmen.

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