Was ist eine zervikale Orthese?
Orthesen zur Stabilisierung der Halsmuskulatur werden als zervikale Orthese bezeichnet (»cervix« ist das lateinische Wort für »Hals« oder »Nacken«).
Bei der ALS kann es zu einer hochgradigen Schwäche der Halsmuskulatur kommen, die mit einer Instabilität der Kopfhaltung einhergeht. Die Halsmuskulatur ist für die Stabilisierung der Halswirbelsäule, aber auch für die Positionierung und aufrechte Stellung des Kopfes (Stell- und Haltemuskulatur des Kopfes) verantwortlich. Bei einer Muskelschwäche (oder Spastik) der Halsmuskulatur kann der Kopf nicht mehr in der aufrechten Position selbständig gehalten werden und nimmt eine Beugeposition ein. Die Patienten nehmen die Muskelschwäche als zunehmende »Schwere« des Kopfes wahr, der die Neigung hat, nach vorne zu fallen (englisch: »Dropped Head–Syndrom«; übersetzt: »Syndrom des fallenden Kopfes«). In dieser Situation kann eine Orthese (»Schiene«) der Halsmuskulatur für die aufrechte Position des Kopfes von Vorteil sein.
Zur Versorgung stehen sehr unterschiedliche zervikale Orthesen zur Verfügung, die aus unterschiedlichem Material (Schaumstoff, Kunststoff, Karbon oder Metallapplikationen) bestehen können. Zervikale Orthesen aus weichem Material haben den Vorteil, dass Kopfbewegungen möglich sind und der Aktionsradius wenig eingeschränkt wird. Nachteilhaft an Orthesen mit Schaumstoffen (»Halskrause«) ist der relativ geringe Grad der Stabilisierung. Auch kann die Wärmeentwicklung unter der Orthese (in Abhängigkeit von Witterungsbedingungen und Raumtemperatur) als belastend erlebt werden. Orthesen aus Karbon und anderen stabilen Werkstoffen (Plastik, Metall) zeigen den Vorteil einer Stabilisierung des Kopfes in einer aufrechten Position. Nachteilhaft kann die »Fixierung« des Kopfes in dieser Position sein, sodass eine Kopfwendung nur noch eingeschränkt möglich ist. Problematisch kann dabei der eingeschränkte Blick nach vorne und unten sein, sodass der unmittelbare Raum vor dem Patienten nur noch eingeschränkt einsehbar ist. Das kann zu Unsicherheiten und Risiken beim Gehen führen, da etwaige Hindernisse nicht erkannt werden.
Daher sind zervikale Orthesen so einzustellen, dass eine ausreichende Stabilität und zugleich ein optimales Gesichtsfeld erreicht werden. An dieser Stelle liegt eine große Herausforderung in der Versorgung mit zervikalen Orthesen. Aufgrund der unterschiedlichen Anwendungsfelder kann auch die Versorgung mit mehreren Orthesen, jeweils für unterschiedliche Situationen gerechtfertigt sein. Dabei kann für das Laufen eine Schaumstofforthese (mit der weiterbestehenden Option der Kopfneigung nach vorne und Erhalt des Gesichtsfeldes sinnvoll sein, während beim Fernsehen oder anderen Tätigkeiten, die keine Blickwendung nach unten erfordern) das Tragen einer Karbonorthese eine höhere Stabilität verspricht und geeigneter als eine Schaumstofforthese ist. Auch beim Mitfahren in einem Auto sind Orthesen aus Karbon und anderen stabilen Kunststoffen zu empfehlen, um dem Kopf eine höhere Stabilität (z. B. bei etwaigen Bremsmanövern und Beschleunigungen) zu gewährleisten. Bei zervikalen Orthesen ist eine besondere Erfahrung durch das versorgende Sanitätshaus (und den verordnenden Arzt) von Vorteil.



