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In welchen Situationen ist die Behandlung mit Cannabis bei der ALS sinnvoll?

In der Cannabispflanze befinden sich mehrere Inhaltsstoffe, die eine pharmakologische Wirkung entfalten und für eine therapeutische Anwendung infrage kommen. Im menschlichen Körper befinden sich in verschiedenen Organsystemen spezifische Rezeptoren (überwiegend im Nerven- und Immunsystem sowie in Bindegeweben und Knochen), die als Endocannabinoid-System bezeichnet werden. Chemische Bestandteile der Cannabispflanze (genannt: Cannabinoide) können am Endocannabinoid-System ansetzen und unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Von zahlreichen Bestandteilen der Cannabispflanze sind Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) am besten charakterisiert. Verschiedene pharmazeutische Hersteller haben sich auf die Extraktion (das gezielte Herauslösen durch pharmazeutische Verfahren) von THC und CBD spezialisiert. Andere Anbieter konzentrieren sich auf den Anbau und die Aufbereitung von ganzen Cannabisblüten, die sämtliche Bestandteile der Cannabisblüte beinhalten. In der Behandlung von ausgewählten Symptomen der ALS stehen die Extrakte von THC und CBD im Vordergrund. Die Anwendung von THC-Medikamenten (ohne CBD) und die Verwendung von Cannabis-Blüten (mit THC und allen weiteren Bestandteilen der Cannabisblüte) kommen weniger häufig zur Anwendung.

Bereits seit 2011 ist in Deutschland eine Kombination von THC:CBD zur Behandlung der Spastik bei der Multiplen Sklerose zugelassen. Daher besteht mit dieser Medikamentenkombination eine größere therapeutische Erfahrung. Mit der Zulassung von THC:CBD in der Behandlung von Spastik (bei der Multiplen Sklerose) konzentrierte sich ursprünglich die Anwendung dieses Medikamentes auf die Spastik-Therapie.

Im Jahr 2018 wurde eine kontrollierte Studie zur CBD:THC-Therapie bei der ALS abgeschlossen, die einen positiven Effekt dieses Kombinationsmedikamentes bei der ALS-bedingten Spastik nachweisen konnte. Andere Untersuchungen konnten zeigen, dass Patienten mit einem hohen Schweregrad an Spastik eine hohe Zufriedenheit mit der THC:CBD-Behandlung aufweisen. Cannabishaltige Medikamente kommen daher durch Spastik-Behandlungen infrage, wenn konventionelle Medikamente (z. B. Baclofen oder Tizanidin) keine hinreichende Wirkung aufweisen oder mit Nebenwirkungen versehen sind.

In der weiteren Entwicklung wurde offensichtlich, dass auch andere ALS-bedingte Symptome, wie Muskelkrämpfe (Crampi) und unerwünschte Muskelzuckungen (Faszikulationen) mit THC:CBD zu lindern sind. Allerdings sind die Daten zu den Behandlungserfolgen von Crampi und Faszikulationen noch gering. In diesen Konstellationen ist von einem individuellen Behandlungskonzept auszugehen.

Ein breites Anwendungsfeld für cannabishaltige Medikamente sind Schmerzen, die durch konventionelle Schmerzmedikation nicht zu lindern sind oder unerwünschte Arzneimittelwirkungen die Schmerztherapie begrenzen. Bei der ALS stehen Schmerzen nur selten im Mittelpunkt des Beschwerdebildes, sodass cannabishaltige Medikamente bei der ALS überwiegend bei Spastik, Muskelkrämpfen und Faszikulationen sinnvoll sind und die Schmerztherapie ein seltenes Anwendungsfeld für THC:CBD bei der ALS darstellt.

Die symptomatische und palliative Behandlung durch cannabishaltige Medikamente ist ein intensives Forschungsfeld, sodass weitere Forschungsergebnisse über geeignete Wirkstoffkombinationen und Dosierungen sowie Anwendungsfelder in der Zukunft zu erwarten sind.