Was ist genetische Penetranz?
Penetranz bedeutet »Aufdringlichkeit«. Im genetischen Zusammenhang ist darunter die Wahrscheinlichkeit zu verstehen, mit der ein verändertes Gen tatsächlich zur Erkrankung führt. Bei der ALS sind mehr als zehn Gene bekannt, die eine ALS verursachen können.
Das erste ALS-Gen wurde 1993 beschrieben: Das Gen der Superoxiddismutase 1 (SOD1-Gen). Nach der Entdeckung des SOD1-Gens zeigte sich, dass fast alle Personen, die eine SOD1-Mutation in sich tragen, tatsächlich im Verlauf ihres Lebens an einer ALS erkranken (hohe Penetranz). Interessanterweise entstanden in den darauffolgenden Jahren Berichte von anderen ALS-Genen (z. B. zum C9orf72-Gen), dass »Genträger« bis in das hohe Lebensalter nicht an ALS erkrankt sind, obwohl sie die Mutation aufweisen (geringe Penetranz).
Neben den ALS-verursachenden Genen existieren offensichtlich mehrere Faktoren (andere Gene oder Umweltfaktoren), die dafür sorgen, dass sich eine Erbanlage (genetische Veränderung) nicht »durchsetzt« (reduzierte Penetranz). Nicht nur C9orf72, sondern auch die SOD1 und alle anderen ALS-assoziierten Gene, weisen eine unterschiedliche Penetranz auf. In der Bewertung des Erkrankungsrisikos für Nachkommen (bei Patienten mit einer familiären ALS) spielt die Bewertung der Penetranz eine entscheidende Rolle und erfordert eine fachkundige humangenetische Beratung.
