Was ist die Glutamathypothese der ALS?
In Glutamat ist eine Aminosäure, die eine sehr unterschiedliche Rolle im Körper einnehmen kann. In einer ersten Rolle ist Glutamat ein Baustein zahlreicher Eiweiße des Körpers und ein häufiger Nahrungsbestandteil. In dieser Rolle besteht kein Bezug zur ALS. In einer zweiten Rolle funktioniert Glutamat als Botenstoff (»Transmitter«) zwischen Zellen im zentralen Nervensystem. Nervenzellen stehen nicht in direkter mechanischer Verbindung, sondern werden durch Botenstoffe miteinander verknüpft. Bei der Informationsweiterleitung von einer Nervenzelle zu einer benachbarten Zelle werden Botenstoffe zwischen den Zellen übertragen. Glutamat ist einer der hauptsächlichen Botenstoffe im Gehirn und Rückenmark (Neurotransmitter).
Bei der ALS wird vermutet, dass die Konzentration von Glutamat in der Rolle als Botenstoff erhöht ist und zu einer Übererregung motorischer Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark führt. In den 1990er Jahren wurde durch Glutamat-Messungen auf mikroskopischer Ebene (Mikrodialyse) eine erhöhte Glutamatkonzentration im Zwischenraum zwischen Nervenzellen (»synaptischer Spalt«) festgestellt. Diese Messungen waren der Ausgangspunkt für die »Glutamat-Hypothese« der ALS. Die Hypothese ist jedoch wissenschaftlich umstritten, da mehrere Wiederholungsuntersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt haben. In einigen Experimenten konnte der Befund reproduziert werden, während andere Forschungsinstitute keine abweichenden Glutamat-Konzentrationen im »synaptischen Spalt« nachweisen konnten.
Ein Argument, das die Glutamat-Hypothese bis heute stützt, ist der therapeutische Effekt von Riluzol. Riluzol ist ein Medikament, das die Konzentration des Glutamat-Neurotransmitters reduziert und damit der vermuteten Übererregbarkeit des Gehirns entgegenwirkt. Zu betonen ist, dass die unterschiedlichen Rollen von Glutamat (Eiweißbestandteil oder Botenstoff) voneinander durch die Blut-Hirn-Schranke strikt abgegrenzt sind. So hat die Konzentration von Glutamat im Gesamtkörper keinen Bezug zum Niveau von Glutamat im synaptischen Spalt. Daher ist bei der ALS keine »Diät« in Bezug auf Glutamat notwendig, sodass auch glutamathaltige Lebensmittel unproblematisch konsumiert werden können.
